RATGEBER · ULM · NEU-ULM

Die Straßenbahn in Ulm und Neu-Ulm auf alten Ansichtskarten

Von der Eröffnung 1897 bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg: eine Fahrt mit der Straßenbahn durch das alte Ulm und hinüber nach Neu-Ulm – erzählt mit historischen Ansichtskarten.

Von Günter Thumerer und Paris Dimitriadis

Straßenbahnen sind auf alten Ansichtskarten aus Ulm und Neu-Ulm gar nicht so häufig zu sehen. Meist zeigen die Karten die großen Knotenpunkte – den Bahnhofsplatz oder den Münsterplatz, wo sich bis zum Zweiten Weltkrieg mehrere Linien kreuzten. Ruhigere Streckenabschnitte sind dagegen selten abgebildet, und vieles, was die Karten zeigen, ging 1944 im Bombenkrieg unter. Gerade deshalb erzählen diese Karten so viel über die Stadt, ihren Verkehr und ihre Architektur.

Die Anfänge: Eröffnung 1897

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Ulm zu einer wichtigen Eisenbahn-Drehscheibe – sieben Bahnstrecken gingen hier aus. Der Berliner Fabrikant Wilhelm Emmer schlug vor, auch innerhalb der Stadt ein schnelles Verkehrsmittel für Einwohner, Reisende und Kaufleute zu schaffen: eine Straßenbahn. Am 15. Mai 1897 wurde die Ulmer Straßenbahn feierlich eröffnet. Sie gehört damit zu den älteren in Deutschland.

So sahen die ersten Fahrzeuge aus – in der Fachsprache Triebwagen genannt.

So sahen die ersten Fahrzeuge aus – in der Fachsprache Triebwagen genannt.

Die feierliche Eröffnung am 15. Mai 1897: Fahrzeug, Personal und Betriebsleitung.

Die feierliche Eröffnung am 15. Mai 1897: Fahrzeug, Personal und Betriebsleitung.

Eine der frühesten Ansichtskarten mit einer Straßenbahn am Bahnhofsplatz. Hinter dem Brunnen das Bahnhofsgebäude, rechts das Hauptpostamt.

Eine der frühesten Ansichtskarten mit einer Straßenbahn am Bahnhofsplatz. Hinter dem Brunnen das Bahnhofsgebäude, rechts das Hauptpostamt.

Der alte Hauptbahnhof mit Straßenbahn, 1931. Der Wagen hat einen geschlossenen Fahrerstand – also keiner der ersten Triebwagen.

Der alte Hauptbahnhof mit Straßenbahn, 1931. Der Wagen hat einen geschlossenen Fahrerstand – also keiner der ersten Triebwagen.

Das Netz bis zum Zweiten Weltkrieg

Aus der Ringlinie von 1897 wurde nach einer Neuordnung 1904 und der Linie nach Neu-Ulm ein Netz mit vier Linien. 1900 kam die Platzgassenlinie vom Münsterplatz zum Stuttgarter Tor hinzu, 1906 die Linie nach Söflingen, die 1927 über die Olgastraße bis zur Friedrichsau verlängert wurde. Ab 1928 verband die Linie 4 den Kuhberg mit dem Krankenhaus am Safranberg. 1905 kamen Straßenbahn und Elektrizitätswerk in städtischen Besitz. Wichtigster Knotenpunkt war der Münsterplatz.

Das Liniennetz, wie es ab 1928 nummeriert war und bis 1939 bestand: Linie 1 rot, Linie 2 blau, Linie 3 violett, Linie 4 gelb, Ringlinie grün. Zeichnung Paris Dimitriadis.

Das Liniennetz, wie es ab 1928 nummeriert war und bis 1939 bestand: Linie 1 rot, Linie 2 blau, Linie 3 violett, Linie 4 gelb, Ringlinie grün. Zeichnung Paris Dimitriadis.

Der Münsterplatz bei Sonnenaufgang – hier trafen sich mehrere Linien.

Der Münsterplatz bei Sonnenaufgang – hier trafen sich mehrere Linien.

Ulm, Münsterplatz mit Straßenbahn.

Ulm, Münsterplatz mit Straßenbahn.

Eine Fahrt entlang der Strecke

Am Bahnhofsplatz

Die Mitte des Bahnhofsplatzes nahm der Monumentalbrunnen ein, 1898 von der Zementfabrik Schwenk gestiftet. Ringsum entstand eine Grünanlage, dazu ein Kiosk aus Gusseisen und Prägeblech, 1900 von der Firma Kullmann & Ling in Frankfurt am Main gefertigt. Links das 1855 bezogene Postamt, gegenüber der „Russische Hof“, ein Hotel. Das 1870/71 errichtete Gebäude neben dem Bahnhof-Hotel war das Geburtshaus Albert Einsteins; dahinter lag einst ein Biergarten.

Der Bahnhofsplatz: Hier kamen Menschen aus aller Welt an. Rechts biegt die Straßenbahn in die Olgastraße ein.

Der Bahnhofsplatz: Hier kamen Menschen aus aller Welt an. Rechts biegt die Straßenbahn in die Olgastraße ein.

Blick vom Bahnhofsgebäude auf den Bahnhofsplatz mit Brunnen; im Hintergrund die ersten Gebäude der Olgastraße.

Blick vom Bahnhofsgebäude auf den Bahnhofsplatz mit Brunnen; im Hintergrund die ersten Gebäude der Olgastraße.

Der Bahnhofsplatz im Rahmen einer prachtvollen Prägekarte.

Der Bahnhofsplatz im Rahmen einer prachtvollen Prägekarte.

Das Bahnhof-Hotel von E. Holoch – unmittelbar dahinter befand sich ein Biergarten.

Das Bahnhof-Hotel von E. Holoch – unmittelbar dahinter befand sich ein Biergarten.

Hirschstraße und Münsterplatz

Durch die Hirschstraße fuhr die Straßenbahn eng an Läden, Hotels, Gaststätten und dem 1894 bis 1896 erbauten Saalbau vorbei. Fachwerk, Barock, Rokoko, Neorenaissance und Jugendstil standen hier nebeneinander. Außer dem Münster wurde fast alles, was die Karten zeigen, 1944 zerstört.

Ein häufiges Motiv – aber selten mit diesem Zudruck: einem Gedicht, das von Ulmer Köstlichkeiten schwärmt.

Ein häufiges Motiv – aber selten mit diesem Zudruck: einem Gedicht, das von Ulmer Köstlichkeiten schwärmt.

Der südwestliche Münsterplatz: Das Wirtshaus „Zur goldenen Gans“ wich dem Geschäftshaus mit Münsterhotel des Juweliers Robert Merath.

Der südwestliche Münsterplatz: Das Wirtshaus „Zur goldenen Gans“ wich dem Geschäftshaus mit Münsterhotel des Juweliers Robert Merath.

Olgastraße

Die Olgastraße entstand ab 1808 als Promenade am alten Stadtgraben, wo zuvor Bastionen des 17. Jahrhunderts standen. Hier lagen Wohnhäuser, Geschäfte, das Justizgebäude und das königliche Oberamt – und hier wurden die ersten Gleise der Ulmer Straßenbahn verlegt.

Die Straßenbahn in der Olgastraße – eine breite, grüne Straße, in der Stadt und Natur harmonierten.

Die Straßenbahn in der Olgastraße – eine breite, grüne Straße, in der Stadt und Natur harmonierten.

Wagen Nr. 7 der Ringlinie am Justizgebäude, noch mit offenem Fahrerstand.

Wagen Nr. 7 der Ringlinie am Justizgebäude, noch mit offenem Fahrerstand.

Am Denkmal für die Gefallenen von 1870/71, Ecke Olga- und Frauenstraße. Hier zweigten die Linien ab: links die Ringbahn, geradeaus zur Friedrichsau.

Am Denkmal für die Gefallenen von 1870/71, Ecke Olga- und Frauenstraße. Hier zweigten die Linien ab: links die Ringbahn, geradeaus zur Friedrichsau.

Die Frauenstraße mit Renaissancebauten vom Ende des 16. Jahrhunderts.

Die Frauenstraße mit Renaissancebauten vom Ende des 16. Jahrhunderts.

Karlstraße und Söflingen

Aus der Frauenstraße ging es zum Münsterplatz oder durch die Karlstraße. Die Linie nach Söflingen führte über die Zinglerbrücke – 1904 benannt nach Rudolf von Zingler, dem früheren Gouverneur der Bundesfestung und Ehrenbürger Ulms – und durch die Wagnerstraße bis zum Gemeindeplatz von Söflingen.

Ulm, Karlstraße – Lithographie mit Straßenbahn, Kutschen und Passanten.

Ulm, Karlstraße – Lithographie mit Straßenbahn, Kutschen und Passanten.

Die Zinglerbrücke mit Blick auf Ulm.

Die Zinglerbrücke mit Blick auf Ulm.

Gruß aus Söflingen: zwei Straßenbahnen auf Höhe der Christuskirche.

Gruß aus Söflingen: zwei Straßenbahnen auf Höhe der Christuskirche.

Am Gemeindeplatz in Söflingen. So wenig Verkehr wie auf vielen Karten war höchstens sonntags.

Am Gemeindeplatz in Söflingen. So wenig Verkehr wie auf vielen Karten war höchstens sonntags.

Über die Donau nach Neu-Ulm

Am Rathaus vorbei – 1905 nach alten Unterlagen restauriert – führte die Strecke über die Herdbrücke zur Insel und über die Marienbrücke ins bayerische Neu-Ulm. Dort fuhr die Straßenbahn durch die Augsburger Straße, die kerzengerade Hauptachse der Stadt, bis zum Neu-Ulmer Bahnhof. So verband sie zwei Städte in zwei Königreichen.

Das Ulmer Rathaus mit Straßenbahn.

Das Ulmer Rathaus mit Straßenbahn.

Neu-Ulm an der Donau: die Brücke ins bayerische Neu-Ulm.

Neu-Ulm an der Donau: die Brücke ins bayerische Neu-Ulm.

„Partie beim Bahnhof“ in Neu-Ulm – gemeint ist der alte Neu-Ulmer Bahnhof rechts hinter dem Baum.

„Partie beim Bahnhof“ in Neu-Ulm – gemeint ist der alte Neu-Ulmer Bahnhof rechts hinter dem Baum.

So sahen die Fahrkarten vor rund 95 Jahren aus – es gab Einzel-, Tages- und Mehrfahrtenkarten.

So sahen die Fahrkarten vor rund 95 Jahren aus – es gab Einzel-, Tages- und Mehrfahrtenkarten.

Die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg

Von Juni 1940 bis April 1945 warfen rund 2.100 Flugzeuge etwa 310.000 Bomben auf Ulm und Neu-Ulm. Beim schwersten Angriff am 17. Dezember 1944 starben 707 Menschen. Über 80 Prozent der Altstadt wurden zerstört; das Münster blieb wie durch ein Wunder stehen. Auch die Straßenbahn wurde nicht verschont: Die Herdbrücke über die Donau stürzte ein, Gleise hingen über dem Fluss. Viele Straßenzüge auf den Karten dieser Seite gibt es seitdem nicht mehr – die Ansichtskarten sind heute oft die einzigen Bilder davon.

Wie man sich die Zukunft vorstellte

Um 1900 waren humorvolle Zukunftskarten beliebt: Über Ulm schweben Zeppeline und Ballons, eine Schwebebahn zieht über den Platz, darunter fahren Straßenbahnen und Autos. Ganz falsch lagen die Zeichner nicht – Autos, Züge und Luftschiffe wurden tatsächlich immer besser.

Ulm in der Zukunft: Schwebebahn, Zeppeline, Ballons und Straßenbahnen.

Ulm in der Zukunft: Schwebebahn, Zeppeline, Ballons und Straßenbahnen.

Keine Zukunftsvision, sondern ein Rückblick: hundert Jahre Flugpioniere, 1811 bis 1911.

Keine Zukunftsvision, sondern ein Rückblick: hundert Jahre Flugpioniere, 1811 bis 1911.

Tipps für Sammler

  • Knotenpunkte sind häufig, Nebenstrecken selten. Bahnhofsplatz und Münsterplatz gibt es oft; Söflingen, die Karlstraße oder die Neu-Ulmer Strecke deutlich seltener.
  • Ist die Straßenbahn zu sehen? Dieselbe Ansicht gibt es oft mit und ohne Wagen – mit Straßenbahn ist sie für Sammler dieses Themas interessanter.
  • Farbige Karten und besondere Ausführungen – Lithographien, Prägekarten, Karten mit Zudruck – sind gesuchter als einfache Schwarz-Weiß-Ansichten.
  • Datierung über den Wagen: Offener oder geschlossener Fahrerstand und die Liniennummer helfen, eine Karte zeitlich einzuordnen.

Quelle und Autoren. Nach der Ausstellung „Die Ulmer Straßenbahn: Eine Geschichte mit Zukunft?“ von Günter Thumerer († 2026) und Paris Dimitriadis, entstanden aus der gemeinsamen Arbeit der Sammler des Vereins für Briefmarkenkunde Ulm/Neu-Ulm 1883 e.V.; Karten aus ihren Sammlungen.

Weiterführend: „Ulmer Bilder-Chronik“ (Karl Höhn Verlag); Helmut Pflüger, „Das alte Stadtbild“; Eberhard Neubronner, „Ulm in Trümmern“; Daniel Riechers, „100 Jahre Straßenbahn Ulm/Neu-Ulm“; „125 Jahre Straßenbahn in Ulm und Neu-Ulm“ (Nahverkehrsfreunde und SWU).

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